"We make Years Out of Hours" ist fast ein Wunder.
Die große Wagenhalle des Museums für Gegenwartskunst im alten Hamburger Bahnhof in Berlin hat sich in einen riesigen Bauspielplatz verwandelt. Einziges Spielzeug ist ein 10 cm breiter Würfel aus Nadelholz und den gibt es vierhunderttausendfach.
Überall sind Besucher:innen mit diesen Würfeln zugange. Sie sammeln sie ein, tragen sie ab und bauen Neues mit ihnen auf. Es entstehen Labyrinthe, Mauern, Podeste, Burgen, Torbögen, Schriftzüge, Berge... Konzentriert, emsig, stoisch. Von einer zusammengewürfelten Aussichtsplattform sehe ich wuselnde Geschäftigkeit, ein einziges Wimmelbild von Menschen und Holzklötzen.
Kinder erklimmen meterhohe Holzgebirge, Erwachsene liegen auf temporären Hochbetten oder sitzen in selbstentworfenen Thronen.
Alles scheint erlaubt. Ein paar Hinweisschilder hängen am Rand - aber die sind so klein, dass sie kaum wahrgenommen werden. Wenn jemand - Besucherin oder Museumsteam - das Verhalten anderer nicht cool findet, wird das bilateral geklärt. So wird der Fußboden - auch lediglich aneinandergelegte Würfel - wieder repariert, die Kanonade von einer Ritterburg auf benachbarte Holztürme wird eingestellt. Und die menschlichen Berziegen in schwindelerregender Höhe rutschen - ganz menschlich und unziegenhaft mit einer Würfellawine den Hang hinab.
Vier Stunden jeden Tag bespielen zwölf Perfomer:innen den Raum. Sie bauen sich Sockel und singen auf ihnen, sie nehmen das allgegenwärtige Klackern der Würfel auf und rhythmisieren es, sie räumen auf und ordnen neu. Ein Klangteppich aus minimal music und eingängigen Melodien schwebt durch die Bahnhofshalle und überträgt sich auf das werkelnde, beobachtende, staunende Publikum.
Für den Sicherheitsdienst, der üblicherweise die Kunst vor zu großer Annäherung der Besuchenden beschützt, dürfte das Durcheinander dieser Ausstellung eine konstante Ausnahmesituation sein - ob Zumutung oder befreiende Entlastung wüsste ich gern.
In diesem weiten Raum sind Glückseligkeit und Anspannung spürbar dicht beieinander. Ein grandioses gesellschaftliches Labor über das Erschaffen und Zerstören, über das Miteinander und Nebeneinander und wie es funktionieren kann.
Der Harzfleck in der Kleidung, der Spreißel in der Hand und ein grundlegendes Staunen, dass all dies möglich ist in einer Zeit, in der sich jede:r gegen alles absichert, sind garantierte Mitnehmsel aus dieser Ausstellung. Bleibt zu hoffen, dass das Museum diesen Laborraum offen halten kann, auch wenn die ersten Erstattungswünsche für die Textilreinigung eintrudeln oder Verletzungen beim Würfelspiel Schlagzeile machen.
"We make Years Out of Hours" von Lina Lapelytė. Bis zum 10.01.2027 im Hamburger Bahnhof.
400.000 Holzklötze - ein großartiges Gesellschaftsexperiment
Was ist FRIEDENSGESPRÄCHE. WERTSCHÄTZEND + KONTROVERS?
Das Projekt FRIEDENSGESPRÄCHE lädt Menschen ein, wieder in Begegnung zu gehen und sich gemeinsam an die großen Themen zu wagen. Neugierig, respektvoll und einfühlsam.