Ihr wollt ein Friedensgespräch organisieren? Wir geben euch ein Geländer, an dem ihr euch entlanghangeln könnt. Nicht alle Fragen sind für jeden Kontext wichtig. Wenn ihr schon eine feste Gruppe seid, die sich an ein heikles Thema wagt, braucht ihr z.B. nicht über Veranstalter und Kooperationspartnerinnen nachzudenken. Sucht die für euch relevanten Fragen raus.
Die Handreichung für die Friedensgespräche ist im Aufbau und entwickelt sich ständig weiter. mail [at] friedensgespraeche [dot] org (Schreibt uns eure Gedanken und Ideen).
Ein Friedensgespräch initiieren
I Was ist im Voraus zu beachten?
Friedensgespräche initiiert ihr am besten gemeinsam. Sucht euch Menschen, die wie ihr Interesse an solch einem Begegnungsraum haben. Möglichst mit unterschiedlichen inhaltlichen Bezügen zu eurem Thema. Wenn ihr als Vorbereitungsgruppe bereits die Vielfalt widerspiegelt, die ihr auch an Standpunkten in eurer Veranstaltung vertreten haben wollt, ist die Chance am größten, dass eurer Einladung auch viele verschiedene Menschen folgen.
Wenn euer Verein oder einer Institution zum Friedensgespräch einlädt, überlegt, ob ihr die Teilnahme all derer, die ihr euch bei der Veranstaltung wünscht, erleichtert, wenn ihr einen weitereren Verein als Mitveranstalter gewinnt.
Überlegt euch, welche Institutionen euer Vorhaben stärken können. Welche Vereine oder Gruppe sind von möglichst vielen Menschen, die ihr erreichen wollt, geschätzt? Die Freiwillige Feuerwehr, die Stadtbibliothek, der Sportverein, der Kirchenchor…
Ein Thema habt ihr wahrscheinlich. Wie wird aus dem Thema ein Titel, der die Kraft hat, Menschen in ihrer Verschiedenheit zusammenzubringen? Die Kunst liegt darin, eine Frage zu formulieren, die Lust macht und aktiviert – und zwar eure gesamte Zielgruppe. Je vielfältiger die Perspektiven in euer Vorbereitungsgruppe sind, um so leichter werdet ihr die richtigen Worte finden.
Aus dem Thema „Wehrpflicht“ könnte der Titel „Sicherheit verteidigen – Was heißt das für mich?“ werden. Ihr prüft euren Titel, indem ihr euch ganz verschiedene Menschen vorstellt, die ihr gern zum Kommen aktivieren möchtet. Versetzt euch in diese Personen und lest den Titel. Was ist eure erste Reaktion?
Sucht euch einen Ort, der für alle Menschen, die ihr gern dabei haben würdet, einladend ist. Einen Raum, der nicht ausschließt, sondern für Offenheit und gemeinsames Erkunden steht.
Weil die Begegnung etwas mit In-Bewegung-Kommen zu tun hat, braucht ihr genügend freie Fläche, auf der ihr Stühle in einen großen Kreis (oder mehreren konzentrischen Kreisen) stellen könnt. Ein Kinosaal oder eine Kirche mit festen Bänken eignen sich nicht gut für dieses Format. Indem sich die Teilnehmenden im Kreis begegnen, entkräftet ihr Hierarchien und stellt das Miteinander-Suchen über das Jemanden-Belehren.
Falls ihr für einen inhaltlichen Impuls eine Tafel braucht oder mit einem Projektor arbeiten wollt, öffnet den Kreis für diese Einheit und schließt ihn danach wieder.
Abhängig vom Raum und der Gruppengröße braucht ihr vielleicht Funkmikrofone und eine Verstärkeranlage. Macht euch vor der Veranstaltung mit der Technik vertraut, so dass ihr sie auch sicher bedienen könnt. Die Moderation braucht immer ein eigenes Mikrofon.
Die Moderation können Menschen übernehmen, die Erfahrung im Leiten von Gruppenprozessen haben (z.B. Trainerinnen des Sportclubs, Gemeindediakone, Lehrerinnen, Chorleiter etc.) und mit dem Ansatz der Friedensgespräche vertraut sind. Idealerweise haben sie schon selbst an einem Friedensgespräch teilgenommen.
Die Moderation kommt entweder von außen (z.B. aus dem Nachbarort oder aus dem Moderationspool der Friedensgespräche) oder wird von lokalen Personen übernommen, die von allen Teilnehmenden Anerkennung genießen. Die Moderation nimmt nicht an den inhaltlichen Gesprächen teil. Sie ist allparteilich und unterstützt die Schwächeren/Benachteiligten. Sie setzt und hält den Rahmen.
Ab 15 Personen sowie in bereits konfliktgeprägten Gruppen oder stark polarisierten Themen braucht ihr möglichst ein Moderations-Tandem.
Das wichtigste Element der Friedensgespräche ist die Kommunikation zwischen den Teilnehmenden. Ein einleitender Impuls soll den Raum dafür öffnen. Das kann ein kurzer Vortrag mit Fachexpertise sein. Die Friedensgespräche halten einen Pool von Expert:innen für verschiedene Themen bereit, die angefragt werden können. Der Impuls kann aber auch von der Moderation kommen oder aus dem Kreis der Vorbereitungsgruppe. Ein Impuls kann eine persönliche Geschichte sein oder ein Gedicht. Es geht nicht darum, eine Wahrheit zu verkaufen. Vielmehr soll der Impuls Lust und Neugierde auf das gemeinsame Erkunden der verschiedenen Perspektiven wecken.
Friedensthemen gehen tief, sie berühren unsere Grundbedürfnisse nach Sicherheit, Unverletzlichkeit, Gemeinschaft. Auch Essen und Trinken gehört zu unseren Grundbedürfnissen.
Es braucht nicht viel, um viel zu bewirken! Eine Karaffe Wasser, ausreichend Gläser und ein paar Brezeln können ein schöner Willkommensgruß oder Übergang in den informellen Abschluss sein.
Die Ankündigung eines gemeinsamen Essens kann auch ein Grund sein, der Einladung zu folgen. Oder erreicht ihr die Menschen eher, wenn sie mittun dürfen und ihr gemeinsam ein Buffet füllt oder gar zum Abschluss zusammen kocht?
II Ablauf der Veranstaltung
Alle Anwesenden sitzen in einem großen Kreis. Falls der Raum das nicht hergibt, sind auch mehrere Stuhlreihen kreisförmig um eine Mitte herum möglich. Sinn dieser Sitzanordnung ist es, allen zu symbolisieren, dass diese Veranstaltung hierarchiefrei ist und zu einer Begegnung von Menschen auf Augenhöhe einlädt.
Die Moderation stellt sich vor und erklärt den groben Ablauf (Ankommen miteinander, Einstieg ins Thema, Eckengespräche, Zusammenführung).
Die Moderation stellt die Regeln vor. Diese hängen an der Wand. (Chatham House Rule, Von-Sich-Sprechen, keine Fotos ohne Absprache) Moderation hält den Rahmen (und interveniert dafür, wenn nötig).
Inhaltlicher Impuls
a.) von der Moderation oder aus der Teilnehmendenschaft
b.) eingeladene Expert*in(nen)
In beiden Fällen gilt: entweder mehrere Impulsgeber*innen für verschiedene Perspektiven oder eine Person, die die Vielfalt der Perspektiven einbezieht.
Impuls kann Faktenwissen sein, aber auch poetische Zugänge oder biografische Erzählungen eignen sich für einen inspirierenden Einstieg.
Die Moderation erklärt die Regel: Eine Person spricht von sich, die anderen hören zu. Nach 2-4 Minuten (abhängig davon, wie lang der Impuls dauert und ob ihr Zeit für eine Handlangsplanung braucht) gibt es ein Signal, die nächste Person redet, die anderen hören zu.
Ihr teilt die Gruppe in Kleingruppen auf: Bei stark gespaltener Gruppe oder hoch polarisierendem Thema nehmt ihr drei Personen je Kleingruppe, sonst vier. (Methode: Abzählen, farbige Klebepunkte an den Stühlen, etc.) Die Gruppen nehmen sich ihr Stühle und etablieren Redeinseln in den vier Ecken des Raums. Achtet auf ausgewogene Verteilung in den vier Ecken und genug Abstand zwischen den jeweiligen Kleingruppen. In jeder Ecke hängt eine Frage aus:
1) Welche Befürchtungen/Ängste hast du in Bezug auf das Thema?
2) Was hast du zu diesem Thema schon selbst erlebt? Wenn du möchtest, teile deine Erinnerung in deiner Kleingruppe.
3) Welche Hoffnung oder Vision hast du in Bezug auf das Thema?
4) Was fehlt dir (noch), um mit diesem Thema weiter zu kommen?
Nachdem alle Beteiligten einmal gesprochen haben und die Moderation das Signal dazu gibt, wechseln die Kleingruppen im Uhrzeigersinn in die nächste Ecke usw.
Die Teilnehmenden kommen wieder im großen Stuhlkreis zusammen.
Rückblick. Die Moderation öffnet die Runde „Wie geht es mir jetzt?“
Ausblick. Je nach Ziel der Veranstaltung und Einschätzung der Moderation kann hier eine Handlungsplanung anschließen:
Handlungsplanung: Teilnehmende sind eingeladen, zuerst für sich im Stillen zwei Minuten zu überlegen, ob sie etwas aus diesem Abend in Handlung umsetzen werden. Dieses teilen sie im Paargespräch mit einer/m ad hoc-Nachbar*in.
Die Moderation lädt ein: Lassen wir uns überraschen, was sich in nächster Zeit verändert. Wenn Ihr Unterstützung braucht bei euren Vorhaben, sprecht einander an.
Oder es folgt eine Runde mit öffentlichen Ankündigungen. Dafür liegen in der Mitte Karten und Marker bereit. Die Teilnehmenden gehen in die Mitte, schreiben ihre geplante Aktiviät auf und ihren Namen dazu. Anschließend verkünden Sie im Kreis ihr Vorhaben. Die Karten werden an Wände um den Stuhlkreis herum gehängt. Danach gibt es 10 Minuten Zeit, in der die Teilnehmenden ihr Interesse am Mitwirken zu einer Aktivität ausdrücken können, indem sie ihren Namen auf die entsprechende Karte schreiben. Zum Ende der Veranstaltung nimmt jede Person die eigenen Vorhabenkarten mit nach Hause. Es liegt in ihrer Entscheidung, die interessierten Personen.
Fortsetzung: Die Moderation fragt die Runde Wollt Ihr so eine Begegnung wie heute wiederholen? Was wäre euer Thema? Bei mehreren Themen, ergfolgt eine Priorisierung.
Die Friedensgespräche wachsen und entwickeln sich - durch Rückmeldungen derer, die sie praktizieren. Die Moderation bittet um persönliches Feedback der Teilnehmenden - als SPrachnachricht auf ihrem Nachhauseweg. Dafür liegen Kärtchen bereit:
Die Friedensgespräche sind das Werk der Menschen, die sie wagen. Sich miteinander über polarisierende Themen auszutauschen, erfordert Mut. Und ein methodisches Handwerkszeug, das wir gemeinsam entwickeln. Was an diesem Veranstaltungsformat hat euch berührt, hat etwas in Bewegung gebracht? Was würdet ihr anderen, die wie ihr in heikle Gespräche gehen wollen, mit auf den Weg geben?
Ruft auf dem Heimweg die Nummer der Friedensgespräche an und hinterlasst eure Sprachnachricht - als Inspiration für die Community.
Die Moderation beendet den offiziellen Teil und lädt ein zum gemeinsamen Essen, Trinken und Plaudern.
Was ist FRIEDENSGESPRÄCHE. WERTSCHÄTZEND + KONTROVERS?
Das Projekt FRIEDENSGESPRÄCHE lädt Menschen ein, wieder in Begegnung zu gehen und sich gemeinsam an die großen Themen zu wagen. Neugierig, respektvoll und einfühlsam.